Wohngebiet der Friedenberger um Neutomischel
Hinweis:
Von der SLUB Dresden habe ich die Genehmigung zur Veröffentlichung nur bestimmter Landkarten.
Für alle polnischen Gebiete, so auch für das Gebiet um Neutomischel (
Ansicht der Stadt Neutomischel um 1888) , bietet der polnische Server MAPSTER gute polnische topografische Karten in Farbe an.
Daraus habe ich für Orte, in denen östliche Friedenberger lebten, eine
Tabelle im PDF-Format mit Adressen polnischer Karten
mit Angabe der jeweiligen Koordinaten angefertigt.
Diese Karten haben eine Dateigröße zwischen 4 bis 16 MB.
Auch für andere, insbesondere deutsche Karten für die ehemaligen Ostgebiete in den Maßstäben von 1:25.000 bis 1:300.000 kann man unter
sehr gutes Kartenmaterial aus der Zeit vor 1945 finden
Die in deutschen Archiven zu einem erschwingliche Preis erhältlichen Schwarz-Weiß-Kopien reichen in der Qualität bei weitem nicht an die von dem polnischen Server angebotenen Karten heran.
Neutomischel (Nowy Tomyśl) liegt in Polen zwischen Posen (Poznań) und Frankfurt/Oder.
Dieses bis 1793 zu Polen gehörige Gebiet ragte wie ein Keil zwischen den damaligen deutschen Ländern Pommern und Schlesien hinein.
Die Besiedlung des sogenannten Neutomischler Sander wurde auf Grund seiner ungünstigen landschaftlichen Bedingungen erst zum Ende des 17. Jh. begonnen.
Viele dieser Siedler kamen aus den grenznahen deutschen Gebieten Brandenburgs, der Neumark und Schlesiens.
Hier lebten abgeschieden schon Leute, die vermutlich aus Böhmen stammten. Diese Annahme stützt sich auf die Namen einzelner Ortschaften, wie “Deutsch – Böhmisch”, “Polnisch – Böhmisch” und Zisker Hauland sowie die Hopfenkultur, die hier betrieben wurde.
Die Siedler aus Brandenburg, Sachsen und der Neumark haben vornehmlich aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verlassen. Viele unter ihnen waren aus der Leibeigenschaft und dem Militär Entlaufene und auch junge Leute, die durch die rigiden Rekrutenwerbungen zur Auswanderung veranlasst wurden.
Zur Zeit der Gegenreformation gingen wiederum viele Evangelische, besonders aus Schlesien, auf polnisches Gebiet, und hier entlang der schlesischen Grenze gründeten sie eine Vielzahl von Orten, vornehmlich von Städten.
Im Gebiet um Neutomischel wurde 1692 als erste Siedlung Sękowskie Holendry (später auch Senkowo, Zinskowo und dann auch Friedenwalde genannt) gegründet.
Dann wurden rasch hintereinander 1703 Ansiedlungsverträge für Glinno (Glinau) und Paproc (Paprotsch), 1705 Stary Borui (Alt – Borui) und Kopanke und danach weitere Siedlungen abgeschlossen. Siedler wohnten hier schon einige Zeit, die Verträge mit den Grundherren erfolgten zumeist später.
Mit Abschluss dieser Verträge wurden u.a. die Siedler auch verpflichtet, Trauungen und Geburten in den zugehörigen katholischen Kirchen vorzunehmen. So gibt es ab diesem Zeitpunkt über sie in den dortigen Kirchenbüchern entsprechende Einträge.
Diese Siedlungen wurden entsprechend den Bodenverhältnissen allgemein als Streusiedlungen angelegt, d.h., es waren keine geschlossene Ortschaften.
( Karte von 1815)
Die Siedler wählten auf den ihnen zugewiesenen Gelände einen günstigen Standort für ihre Gehöfte. So liegen diese noch heute weit verstreut in der Landschaft.
Diese Deutschen sprachen überwiegend einen schlesischen Dialekt.
Im Ergebnis der zweiten polnischen Teilung 1793 kam dieses westlichste polnische Staatsgebiet an Preußen.
1918 wurde dieses Gebiet wieder dem neugegründeten polnischen Staat zugeordnet.
Viele Deutsche verließen daraufhin dieses Land.
1945 flüchteten viele Deutsche, verbliebene wurden später ausgewiesen.
Auf die Friedenberger im Umfeld von Neutomischel stieß ich erst nach einem jahrelangen umfangreichen Literaturstudium über die Herkunft der Siedler des Kalischer Landes und dem Lesen vieler Kirchenbücher der vermuteten Herkunftsorte.
Einige Zeit vermutete ich, die Friedenberger waren Teil der Salzburger Exulanten (von denen 1732 ca. 30.000 nach Ostpreußen sind) und blieben unterwegs um Neutomischel hängen.
Über diese Exulanten gibt es eine genaue Aufstellung. In dieser waren Friedenberger nicht enthalten.
So suchte ich weiter.
Und tatsächlich, unsere Friedenberger waren hier schon Jahrzehnte vor dem Exulantenzug anzutreffen.
Die zeitlich ersten Einträge über Friedenberger sind in den Kirchenbüchern der katholischen Kirche Wytomyśl zu finden. Die Eintragungen sind in Latein, oft mit polnischen Einfügungen versehen.
Der erste Eintrag über unsere Friedenberger ist von 1703 und befindet sich auf Seite 4 im Teil Trauungen.
Hier die Kopie über die Taufe ihres Sohnes Melchior 1719
1709 Seite 119:
Überprüfbare Hinweise zur Herkunft der ersten Friedenberger in das Gebiet um Neutomischel konnte ich nirgends finden.
Mit Sicherheit kann ich behaupten, dass sie nicht von den hessischen Friedenberger nach 1636 abstammen. Deren Nachkommen konnte ich lückenlos verfolgen.
Auch zu den Friedenberger in Bayern konnte ich bisher keine Verbindung finden.
Den einzigen Hinweis zur möglichen Herkunft der Friedenberger habe ich in den Lebenserinnerungen des Pastors Johann Gustav Friedenberg (geboren als Friedenberger 1882 in Lodz) gefunden. Mit dieser Angabe liegt er geografisch gesehen fast richtig.
Er schreibt: “Die Großeltern väterlicherseits (d.h. die Friedenberger) sollen aus dem Lande Württemberg stammen”.
Mehr über diesen Friedenberger finden Sie unter “ Friedenberger im Lodzer Land ”, Pkt. 4.4 und 5..
Die überwiegenden Nachweise dieser ersten Friedenberger um Neutomischel gibt es bis 1778 nur in katholischen Kirchenbüchern dieses Gebietes und im evangelischen Kirchenbuch Rackwitz zwischen 1719 bis 1730.
Die Eintragungen in den katholischen Kirchenbüchern sind allgemein sehr knapp gehalten.
So wurde hier stets nur der Wohnort zur Zeit der kirchlichen Handlung genannt, nicht aber das Alter und auch bei Trauungen gibt es kaum Hinweise auf die Eltern und die Geburtsorte der Brautleute.
In den späteren evangelischen Kirchenbüchern von Neutomischel und Hammer-Borui gibt es keine Angaben mehr über die Herkunft der ersten Siedler.
Die Siedler um Neutomischel hatten fast durchweg kurze mittel- und niederdeutsche Namen.
Der Name Friedenberger passte ganz und gar nicht in die Namenslandschaft dieses Gebietes.
Der Literatur nach sind Familiennamen mit der Endung “-berger” südlich der Linie Mosel, Lahn, Rhön und Erzgebirge entstanden.
Der Name Friedenberger ist demnach süddeutschen Ursprungs
mehr zur Namensbildung...........
Balthasar war damals ein evangelischer Vorname. Demnach waren diese ersten Friedenberger hier bereits evangelisch.
In den Kirchenbüchern wurde Jakob als Böttcher und Balthasar als Böttchermeister bezeichnet. Für Handwerker ist eine Herkunft aus einer Stadt naheliegend.
In Polen – an der Grenze zu Schlesien – hatten sich viele Deutsche angesiedelt. So war Lissa im 17. Jh. die zweitgrößte Stadt Polens. Handwerker und Händler kamen auch aus Augsburg, Passau, Regensburg, Stuttgart.
Während der Gegenreformation erfolgte ein weiterer großer Zustrom aus Böhmen und Mähren über Schlesien und Sachsen.
Allein mit Comenius kamen aus Mähren im Februar 1628 mehr als 1000 Personen nach Lissa. Sie waren demnach den ganzen Winter unterwegs und haben einen Fußmarsch von ca. 450 km Luftlinie (entspricht etwa der Strecke Dresden-Stuttgart) bewältigt.
Im Schwedisch-polnischen Krieg 1655 bis 1670 wurden hier die Deutschen von den Polen hart bedrängt. Viele flohen wieder zurück nach Schlesien, aber auch der Pest wegen in unwegsame nahe Gegenden.
Das Gebiet um das spätere Neutomischel, das lutherisch freundlichen Polen gehörte, bot sich dazu gerade an.
Vielleicht gehörten zu diesen Siedlern auch unsere ersten Friedenberger
Der Jacobus heiratete 1703 als Witwer.
Demnach war er zumindest um die 25 Jahre alt.
Bis 1722 hat er eigene Kinder taufen lassen; er war dann höchstens 60 Jahre. Sein Geburtsjahr wird damit zwischen etwa 1660 und 1680 gewesen sein.
1709 war Balthasar Pate bei einer Taufe und hat zumindest bis 1724 eigene Kinder taufen lassen. Er war dann 1709 mindestens 16 Jahre und 1724 höchstens 60 Jahre alt. Sein Geburtsjahr lag somit zwischen 1664 und 1690.
Wenn man in Betracht zieht, dass eine Auswanderung (keine Flucht) mit Familie im mittleren Lebensalter, also zwischen 30 und 40, am häufigsten vorkam, so könnten Jacobus und Balthasar am ehesten zwischen 1665 und 1670 geboren sein.
Daraus kann man schlussfolgern, dass diese beiden Friedenberger vermutlich nicht Vater und Sohn, sondern Brüder waren.
Deren Vater ist somit vor 1650 geboren worden.
Da beide Brüder Böttcher waren, liegt die Vermutung nahe, dass deren Vater auch von Beruf Böttcher gewesen war.
Bis 1778 gingen die dortigen Deutschen – bis auf gelegentliche Besuche in die evangelische Kirche Rackwitz, Wollstein und Bentschen – in die nahegelegenen katholischen Kirchen.
In den katholischen Kirchenbüchern sind für die Deutschen vornehmlich Taufen und Trauungen eingetragen, dagegen überhaupt keine Beerdigungen. Demnach waren sie dazu nicht verpflichtet.
Jede kirchliche Handlung musste ja bezahlt werden, noch dazu in der “falschen” Kirche.
Erst mit der Einweihung der
evangelischen Kirche in Neutomischel 1778
und ca. 1745 in Hammer - Borui (Kirchenbücher erhalten ab 1795) erfolgte eine regelmßige Erfassung auch der Verstorbenen.
Für die Nachfahren des Jakob konnte ich für das Gebiet um Neutomischel eigentlich einen lückenlosen Nachweis bis etwa 1830 erstellen.
Da meine Friedenberger schon längst in das Kalischer Land abgewandert waren, nahm ich deshalb hier Forschungen nur noch gelegentlich vor, sodass ich für die Jahre nach 1830 lückenbehaftete Unterlagen habe.
Für die Nachfahren des Balthasar, die in den Bentschener Holländerein lebten, gibt es bis 1795 große Lücken.
Verfilmte Kirchenbücher für den Zeitraum bis etwa 1870 kann man bei den Mormonen einsehen, für die Zeit danach im Staatsarchiv in Posen.
Dadurch und durch Verluste an Archivalien 1945 scheint es heute nicht mehr möglich zu sein, alle diese Nachkommen des Balthasar und deren familiären Verbindungen eindeutig zu ermitteln und somit bleiben manche Friedenberger unerwähnt und manche kurz nach 1778/1795 genannte ältere Friedenberger hängen lose im Raum ohne erkennbaren familiären Zusammenhang.
Die ersten Friedenberger haben in Friedenwalde (Sęnkowo), Paprotsch (Paproc), Glinau (Glinno) und Rackwitz sowie Wioska gelebt, einige Jahrzehnte später in vielen nahegelegenen Orten.
Bis 1870 werden Friedenberger in den Kirchenbüchern außerdem in folgenden Orten genannt: Scharke, Jablone, Alt Scharke, Konkolewo, Schichagora, Hammer Borui, Kuniker, Alt Borui, Kirchplatz Borui, Glashütte, Neu Rose, Alt Tomischel, Lenkerhauland, Opalenica und Murowana Goslina.
Weitere Karten für Gebiete um Wollstein (Wolsztyn) und Buck (Buk):In den Kirchenbüchern wurden mitunter auch die vom Familienoberhaupt ausgeübten Berufe genannt.
Vorwiegend für die ersten Jahrzehnte nach 1778 sind weiter aufgeführt:
Wirt (Landwirt) und Nachbar ;
später oft : Eigentümer,
wenige Male : Gastwirt (1784), Tagelöhner (nach 1800) und Einwohner (nach 1820).
Um 1900 waren einige Friedenberger Gastwirte, nämlich in Borui Kirchplatz, Ziegenkrug, Jablonne und vermutlich in Friedenhorst.
Als hier neues Siedlungsland knapp wurde, erfolgte etwa ab etwa 1745 bis 1814 eine Abwanderung des Bevölkerungsüberschusses, vorwiegend in das Kalischer Land.
Nach Eingliederung des Kalischer Landes 1815 in das russische Reich wurden als neue Wohnorte das weitere Umland von Neutomischel und ab der Mitte des 19 Jh. Berlin und die westdeutschen Industriegebiete bevorzugt.
Nähere Agaben hierzu in
Friedenberger im Kalischer Land
Nach 1850 ist eine deutliche Minderung der Einträge über die Friedenberger in den Kirchenbüchern festzustellen. Demnach sind erhebliche Abwanderungen eingetreten.
Aus diesem Gebiet sind eine erhebliche Anzahl von Auswanderern nach Amerika und Australien (etwa ab 1850).
Darunter waren mit Sicherheit auch Friedenberger.
Um die Jahrhundertwende sind Friedenberger in das weitere Posener Umland, Berlin und nach Einbeziehung dieses Gebietes in den neugebildeten polnischen Staat 1918 vornehmlich nach Berlin verzogen.
Jacob und Balthasar sind die Urväter aller evangelischen Friedenberger, deren Ursprung östlich der Oder/Neiße liegt. Das sind 3/4 aller heutigen Friedenberger in Deutschland.
Nachfahren der im Gebiet um Neutomischel verbliebenen Friedenberger leben heute in Berlin, im Ruhrgebiet und in Niedersachsen.