1. Einführung

Wohngebiet der Friedenberger im Kalischer Land

An der mittleren Warthe (Warta), südlich der Städte Zagorów, Konin und Koło zog sich noch vor 250 Jahren eine sumpfig-sandige Ebene hin. Die Bodenverhältnisse waren denen zwischen Neutomischel (Nowy Tomyśl), Wollstein (Wolsztyn) und Grätz (Grodzisk Wlkp.) ähnlich.
Und von dort her kamen auch vorwiegend die deutschen Siedler in das Kalischer Land.
1746 wurde Lazinsk (Łazińsk) als erste deutsche Siedlung angelegt und dann ab 1770 bis etwa 1850 eine Vielzahl anderer deutscher Siedlungen gegründet.
Gesprochen wurde ein schlesisches Deutsch.

Nach der 2. polnischen Teilung 1793 kam dieses Gebiet an Preußen, nach dem Zusammenbruch Preußens 1806 wurde es dem Großherzogtum Warschau, danach 1815 dem russischen Reich angegliedert und 1918 in den polnischen Staat einbezogen.
Damit wurde dieses Gebiet 1806 vom deutschen Reich abgeschnitten.

Lazinsk als größtes Dorf hatte um 1930 etwa 750 Einwohner, überwiegend waren es Deutsche.
Die Siedlungen waren zumeist Streusiedlungen. Die Gehöfte wurden an passenden Stellen auf dem erhaltenen Grundstücken errichtet.

2. Die ersten Friedenberger im Kalischer Land und deren Herkunft

In den katholischen Kirchenbüchern Trąbczyn gibt es ab 1748 viele Eintragungen über die Friedenberger sowie später auch in den evangelischen Kirchenbüchern von Stawiszyn, Zagorów, Władysławów und Prazuchy.

Die Brüder Melchior und Samuel Friedenberger wurden 1719 bzw. 1722 in Paproc beim späteren Ort Neutomischel geboren.
Für 1763 gibt es im Kirchenbuch Trąbczyn u.a. folgenden Eintrag über die Taufe meines Ur-Ur-Ur-Großvaters Samuel Peter:

Abschrift und Übersetzung:

    “16. Martij Olendry
    Idem suprascriptus Rdus. Pater ..... Gregorio ..... ..... ..... Samuelis Petrus legitimo ... Parentes Samuelis et Anna Dorothea Fridenberg acatholicor. Lev. patrinis Honesto ... ... Rostropecki organiario Trympszyn ... et genirosa Dna Julianna de Jaskolukie Poru ...ewska ..... habitanti in Olendr1.
    “16. März Holländerei
    Der obenstehende Reverendus Pater ....... Gregor (hat getauft) Samuel Peter, der legitimen Eltern Samuel und Anna Dorothea Fridenberg (ihr Kind), nicht katholisch. Seine Paten waren der ehrenhafte ...... Rostropecki, Organist in Trympczyn und die vornehme Frau Julianna von Jaskoluki ......ewska zu Hause in der Holländerei”

Der in Stawiszyn erstmals 1811 genannten George Friedenberger wurde 1758 geboren, heiratete in Neutomischel 1784 als Gastwirt und ließ bis 1803 in Neutomischel acht Kinder taufen. Er ist demnach zwischen 1805 und 1808 in das Kalischer Land zugezogen.
Ab 1824 wurden in den evangelischen Kirchenbüchern Władysławów Friedenberger genannt. Diese stammen aus der Holländerei Trąbczyn.

3. Unterschiedliche Schreibweise unseres Namens mit Friedenberger und Friedenberg

Die Leute sprachen damals Dialekt und die Pfarrer schrieben die Namen bis weit in das 19. Jh. nach Gehör.

So findet man hier in den Kirchenbüchern unseren Nachnamen in vielen Varianten, so auch einmal als Fringelber und Frydynberk, einige wenige Male mit Frynndberk, Frydmerk, Fridberg, Frymberg, Fridemberg, Früdenberger und Frydenbergier.
Die Zugehöhrigkeit zu Friedenberger konnte ich zweifelslos klären.
Dazu muss man jedoch die Kirchenbücher für einen längeren Zeitraum auswerten, also nicht die einzelnen gefundenen Namen aus dem Zusammenhang herausreißen.

Ich habe nirgends so eine Vielfalt in der Schreibweise unseres Namens gefunden.

Offensichtlich hatten die Pfarrer mit unserem Namen, der ihnen hier ganz ungewöhnlich mit der Endung “–er” vorkam, Probleme; nicht aber z.B. mit den im Nieder-oder Mitteldeutschen entstandenen Namen Nellenberg, Falkenberg und Nörenberg, die hier oft vorkamen.

Das ist bei den polnischen Priestern, die zumindest zu Beginn der deutschen Besiedlung meistens des Deutschen nicht mächtig waren, auch nicht verwunderlich, denn im Polnischen gibt es auch Verkleinerungsendungen, so auch das “ik” am Namensende.

So wird z.B. der Sohn des Kowal (= Schmied/Schmidt) als Kowalik (= der kleine Kowal [Schmidtchen]) benannt.

Und so meinten die Pfarrer vermutlich, das “–er” am Namenende ist im Deutschen eine patronymische Bildung (wie das “ik” im Polnischen) und bedeutet hier “der Nachkomme des Friedenberg”, vereinfacht betrachtet, war das ja auch im Niederdeutschen ähnlich, wo z.B. der Sohn des Peter den Familiennamen Petersen bekam.

Demnach wäre dann vermutlich nach dem polnischen Verständnis der Friedenberger ein Sohn des Friedenberg.
(Nach 1945 wurde meinen in Polen verbliebenen Friedenberger-Verwandten von den polnischen Behörden oft auch ihr Familienname in Frydenberg geändert.)

Nach Gründung evangelischer Kirchgemeinden meinte auch mancher evangelischer Pfarrer mitunter (besonders Pfarrer Biedermann in Zagorów um 1860), unser Name sei ohne dem Endungs-“er– richtig, also nicht Friedenberger sondern Friedenberg. Der Pfarrer Häßner schrieb wieder durchweg Friedenberger.
So kam es, dass hier in den Kirchenbüchern ab und an die Schreibweise mit Friedenberg vorherrschte.

In folgendem Kirchenbucheintrag ist nicht nur die erste von mir gefundene Unterschrift eines östlichen Friedenberger, sondern auch die Schreibweise unseres Namens vom Pfarrer und von diesem Friedenberger zu sehen.

Übersetzt in das Deutsche würde das etwa heißen:

    “Geschehen in der Stadt Stawiszyn am dreiundzwanzigsten Januar des Jahres achtzehnhundertdreiunddreißig um zwei Uhr nachmittags. Vorstellig wurden die gegenwärtigen Zeugen Jan Godfryd Frydemberg (genau: [des] Jans Godfryds Frydembergs), Zinsbauer in Sprzyranie, sechsunddreißig Jahre zählend sowie Daniel Ficner ...........”

Dieser Jan Godfryd Frydemberg hat neben dem Pfarrer als einziger Schreibkundiger diesen Eintrag tatsächlich aber mit “Johann Gottlieb Fridenberger” unterschrieben.
Vermutlich kann man das wohl weniger gut als “Johann Gotfried Fridenberger” deuten. Oder?

Ein Jahr später verstarb dieser Friedenberger.
Der selbe Pfarrer machte über ihn u.a. folgende Angaben:

    “Verstarb im Dorf Przyranie Jan Bogumil Fridenberger, Müller, sechsunddreißig Jahre ...........”
Hier wurde er so benannt wie bereits vorher in anderen Einträgen.

Der polnische Vorname Jan ist der deutsche Johann und Bogumil der Gottlieb.

Wenn nun ein Friedenberger ein Dokument für sich benötigte (z.b. weil er auswandern wollte), brauchte er für sich und die Seinen entsprechend beglaubigte Unterlagen. Er ging dann zum zuständigen Pfarrer und ließ sich diese ausstellen.
Beginnend ab 1860 bekamen alle Erwachsenen einen Personalausweis.
Grundlage zur Feststellung der jeweiligen Identität waren die Eintragungen in den Kirchenbüchern.
Der Pfarrer oder ein von ihm Beauftragter stellte nun das Dokument jeweils nach der Schreibweise im Kirchenbuch aus (und dann auch noch in russischer Schreibweise).
Je nach dem gefundenen Eintrag hießen sie nun Friedenberger, Fridenberger, Friedenberg, aber auch Fridenberg, Friedemberger, Fridemberger, Friedemberg, Fridemberg und auch Frydenberger, Frydenberg, Frydemberger, Frydemberg.
(Diese vielfältige Schreibweise unseres Namens habe ich nur noch in Argentinien gefunden, jedoch selten mit “y”. Da ich in Deutschland keine Friedenberger aus dem Kalischer Land gefunden habe, liegt die Vermutung nahe, dass von hier eine größere Anzahl Friedenberger nach Argentinien ausgewandert ist.)

Entsprechend den Angaben in den Kirchenbüchern konnten die Friedenberger oft nicht schreiben, demnach auch nicht lesen.
Außerdem war man damals allgemein gottesfürchtig, und der Pfarrer war der Mittler zwischen dem kleinen Bauern Friedenberger und dem Herrgott. Damit war der Pfarrer eine unanfechtbare Respektperson, dem man nicht zu widersprechen wagte.
Ihre gehobene Stellung zeigten die Priester, besonders die katholischen, indem sie Ihre Amtswürde oft mit “Wir” und “Uns”, wie das in den Einträgen zu lesen ist, herausstellten.
Was im Kirchenbuch stand hatte Vorrang, nicht der mündlich weiter gegebene Familienname .
So hatten die Pfarrer natürlich recht und manche Friedenberger fortan oft einen neuen Nachnamen.
(Das gilt aber auch bei uns heute auch, denn die Eintragungen des Standesbeamten haben für die Folgezeit Gütigkeit. Mir sind zwei Fälle bekannt, wo zwei Brüder von den selben Eltern unterschiedliche Familiennamen haben und diese auch an ihre Nachkommen übergeben haben: Straßburger und Straßbürger sowie Quaisser und Quaiser)

Der Pfarrer in der evangelischen Kirche Prazuchy (im Kalischer Land) zwischen 1915 und 1945 hieß Friedenberg.
Er wurde 1882 in Lodz als Friedenberger geboren.
Sein Vater änderte (vermutlich in Zusammenhang mit familiären Streitigkeiten) seinen Familiennamen 1912 in Friedenberg. Darüber gibt es im Kirchenbuch Pabianice einen entsprechenden Eintrag.

4. Verbreitung der Friedenberger im Kalischer Land

Als Wohnorte der Friedenberger wurden in den Kirchgemeinden genannt:

Bessere polnische topografische Karten in Farbe bietet der polnische Server MAPSTER an unter ‏ http://igrek.amzp.pl/mapindex.php?cat=WIG100

Daraus habe ich für Orte, in denen östliche Friedenberger lebten, eine
Tabelle im PDF-Format mit Adressen polnischer Karten
mit Angabe der jeweiligen Koordinaten angefertigt.
Diese Karten haben eine Dateigröße zwischen 4 bis 16 MB.

Im Kirchenbuch Władysławów gibt es den Eintrag über den ältesten Friedenberger, der 102 Jahre alt geworden sein soll.


    “Geschehen in der Stadt Władysławów am Tage des ersten Dezember im Jahre achtzehnhundertachtundzwanzig um ein Uhr nachmittags. Vorstellig wurde Gottlieb Friedenberger, Tagelöhner, zweiunddreißig Jahre und Michal Selig, auch ein Tagelöhner, fünfundzwanzig Jahre, wohnhaft in der Holländerei Małosczynie und teilten mit, dass am dreißigsten November diesen Jahres um sieben Uhr abends verstorben ist Jakub Friedenberger, Tagelöhner, wohnhaft in der Holländerei Małosczynie, einhundertzwei Jahre zählend, Witwer, die Eltern des Verstorbenen sind nicht bekannt. Nach Überzeugung des Todes des Jakub Friedenberger wurde der Akt den Anwesenden vorgelesen, von denen der erste der Sohn und der zweite der Nachbar des Verstorbenen ist...........
    Bartsch”

5. Berufe der Friedenberger

Die Friedenberger wurden vorwiegend als Bauern, selten auch als Tagelöhner und Mieter bezeichnet. Die Friedenberger in Przyranie und Wierzchy waren von Beruf Müller.

6. Abwandern der Friedenberger aus dem Kalischer Land

Zwischen etwa 1800 und 1827 kam es zum Abwandern von mehreren Friedenberger-Familien aus den Holländerein Łukomsk und besonders Trąbczyn, zuerst in andere neu entstandene Orte im Kalischer Land, zwischen 1816 und 1825 in das aus. Lodzer Land
und etwas später in neue Siedlungen um Piotrków Trybunalski.

Beginnend ab etwa 1860 wanderten viele Deutsche nach Wolhynien aus.
Zu diesen Ausgewanderten gehörte auch der 1844 in Władysławów /Rosterschütz) mit der Juliana Breitkreutz getraute Jan (Johann) Friedenberger. Er wurde 1822 in in Bicz geboren, lebte als Zinsbauer in Police Srednie (Wiesental) und begab sich kurz vor 1862 nach Matschulek (Moczulki) (nördlich Klewan) im Kreis Rowno in Wolhynien. Nachfahren dieser Friedenberger aus Matschulek wanderten um 1900 als Friedenberg nach Kanada aus.
In Matschulek selbst lebten sie als Friedenberg bis Anfang 1940.

1874 heiratete in Zagorów (Hinterberg) der 27-jährige Karl Friedenberger aus Lazinsk die 29-jährige Witwe Paulina Celmer geb. Liefke aus Stara Huta. 1880 ließen sie in Solomka (Friedrichsdorf), westlich Kostopol in Wolhynien, ihre Tochter Auguste taufen.

Andere in Wolhynien zugewanderte Friedenberg-Töchter (eigentlich Friedenberger) gaben als Herkunftsort die größere Stadt Konin, etwa 10 km nordöstlich von Trąbczyn entfern, an.

Friedenberger aus dem Kalischer Land Blatt 1 nach .......
Friedenberger aus dem Kalischer Land Blatt 2 nach ......

7. Heutige Nachfahren der Friedenberger aus dem Kalischer Land

Aus allen Siedlungsgebieten konnte ich im heutigen Deutschland Friedenberger finden, jedoch keinen aus dieser Gegend. Vermutlich aber gehören einige Friedenberger/Friedenberg aus Niedersachsen zu ihnen.

Der letzte Friedenberger in Lazinsk ist vermutlich 1874 verstorben.
Laut meiner Befragung ehemaliger Einwohner aus Lazinsk im Jahre 2003 sind diesen in Lazinsk und dem näheren Umland um 1945 keine Friedenberger/Friedenberg in Erinnerung geblieben.

Quelle für obige Angaben

  • Im Archivum Państwowe Poznań gefilmte Kirchenbücher, die ich in Forschungsstellen der Kirche Jesu Christi eingesehen habe.
    Es waren dies Bücher der
    - evangelischen Kirchen Stawiszyn, Zagorów, Prazuchy, Władysławów, Konin, Grodziec
    - katholische Kirchen Zagorów, Trąbczyn, Kazimierz Biskupi, Zbiersk, Szymanowice, Wyszyna und Wielki Lisiec
  • Genehmigung der SLUB Dresden Nr. 5869/2007 zur Veröffentlichung von erhaltenen Karten-Kopien
  • Bernardy, Karl-Heinz, Koblenz: verschiedene Übersetzungen aus dem Lateinischen
  • Befragung ehemaliger Bewohner aus Lazinsk
  • Internet unter SGGEE
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