Lage Weilburg in Deutschland
Auf der Suche nach meinen Vorfahren hatte ich in der Datenbank der Mormonen einen Hinweis auf eine Hamel, geb. Friedenberger, in Homberg/Ohm gefunden.
In den Büchern der Kirche Homberg/Ohm fand ich dann folgenden Heiratseintrag:
Mit dem Wort “Nachrichter” konnte ich zuerst gar nichts anfangen. Nach meinem jetzigen Verständnis war der Nachrichter diejenige Person, die nach erfolgtem Richterspruch die gefällte Strafe zu vollziehen hatte.
Meine Forschungen über diese Friedenberger habe ich so intensiv betrieben, weil ich dachte, ich könnte eine Verbindung zu meinen Friedenberger im Gebiet um Neu Tomischel (heute Nowy Tomyśl in Polen) herstellen.
Im Ergebnis der Untersuchungen musste ich jedoch feststellen, dass es diese direkte Verbindung nicht gibt.
Wenn es eine Verbindung gegeben haben sollte, dann lag diese vor der Weilburger Zeit, also vor 1600.
Nach Einsichtnahme in die Weilburger Kirchenbücher war ich nun höchst verwundert, welche scharfe Wendung sich bei meiner Ahnenforschung hier mit den Scharfrichtern Friedenberger auftat.
So beschäftigte ich mich näher mit den Scharfrichtern in Deutschland.
Nach Auswertung der einschlägigen Literatur (besonders durch die unten in der Quellenangabe genannte), Armin Kuniks Buch “Geschichte der Stadt Weilburg 881 – 1971” und den im Historischen Archiv der Stadt Weilburg vorhandenen Archivalien, habe ich eine andere Sicht auf die Scharfrichter bekommen.
Die Scharfrichter waren demnach ein fester Bestandteil der früheren Rechtsprechung, präsent in jeder größeren Stadt.
Ihr Wirken beim Herbeiführen von Geständnissen, besonders aber das Vollstrecken von Gerichtsurteilen in der Öffentlichkeit – auf Geheiß der Obrigkeit und Richter – zum Zwecke der Sühne und des Abschreckens prägte sich bei den Menschen ein.
Die Richter, die vorher die entsprechenden Urteile gefällt hatten, blieben dagegen im Hintergrund.
Das damalige Recht unterschied sich sehr vom heutigen. So konnte als Strafe für Stehlen (z. b. eines Huhnes) die Hand und mitunter aber auch der Kopf des Diebes abgeschlagen, die ehebrechende Frau oft ertränkt und die Kindesmörderin geköpft werden.
Wie viele Menschen würden heute beim Anwenden der damaligen Rechtsprechung verstümmelt und hingerichtet werden?
Viele Naturereignisse, wie lang anhaltende Trockenheit oder Hagelschlag, waren damals nicht erklärbar, Seuchen schon gar nicht. Sehr oft wurden dafür Menschen, vorwiegend Frauen, die mit dem Teufel im Bunde sein sollten, verantwortlich gemacht, angezeigt von übereifrigen Gläubigen, falschen Nachbarn und wurden oft auch als Mittel benutzt, Konkurrenten und Andersdenkende zu beseitigen.
Ein Holzschnitt von Hans Döring aus dem Jahre 1545 zeigt einen Militärscharfrichter mit seinen Knechten.
rechts der (Militär-)Scharfrichter,
links seine Knechte
Dieser Hans Döring wirkte fast sein ganzes
Leben an hessischen Höfen, so auch bei
einigen Nassauern.
Beim Militär gehörte der Scharfrichter zu den Offizieren.
Grundlage für die gerichtlichen Verfahren gegen Hexen und Zauberer war der “Hexenhammer”, von Dominikanermönchen erarbeitet, 1487 veröffentlicht und vorher vom Papst Innozens VIII. mit einer Bulle ausdrücklich unterstützt. Dieser Hexenhammer war die Richtschnur für die Rechtsgelehrten und Richter in allen christlichen Ländern bis Ende des 17. Jh.
Falls der oder die Angeschuldigte ein Geständnis verweigerte, war das peinliche Verhör (d.h. die Folter ) vorgeschrieben.
Somit waren die Scharfrichter ein wichtiges Glied in der damaligen Rechtsprechung.
Die Scharfrichter waren steuerfrei und hatten, da sie zumeist noch die Abdeckerei betrieben, in der Regel ein ausreichendes Einkommen.
Manche Scharfrichter brachten es zu Wohlstand.
Ein besonderer Nachteil des Scharfrichterberufes war die gesellschaftliche Ächtung. So blieben sie unter sich.
Erst die Reichsgesetze der Jahre 1731 und 1772 erklärten die Kinder aus Henkersfamilien für “ehrlich”, wenn sie das väterliche Gewerbe verließen.
In der schrecklichen Zeit der Hexenverfolgung hatten die Scharfrichter jahrzehntelang sozusagen Hochkonjunktur. Um ein gültiges Urteil fällen zu können, brauchten die Richter ein Geständnis, denn Indizienbeweise waren verständlicherweise nicht beizubringen. Also wurde das Geständnis herbeigeführt.
Die Methoden dazu waren vom Gesetz genau vorgeschrieben und mussten vom Scharfrichter befolgt werden; Spaß hat es ihm sicher nicht gemacht, wie dies einschlägige Illustrationen vorspiegeln wollen.
So musste der Scharfrichter auch Knochen brechen oder Glieder ausrenken, und wenn ein Todesurteil durch “auf das Rad flechten” vollstreckt werden sollte, dann musste er so ziemlich alle Knochen brechen und zwar so, dass keine äußeren Vererletzungen zu sehen waren.
Deshalb musste er sich Kenntnisse über den menschlichen Körper aneignen und erwarb sich somit auch ein gewisses medizinisches Wissen und deshalb kurierte er in manchen Städten Verwundete und Kranke.
Wenn wir aus der heutigen Sicht die Scharfrichter vielleicht verurteilen,
“dann müssen wir auch diejenigen verurteilen, die die Gesetze gemacht haben und diejenigen, die nach diesen Gesetzen die Strafprozesse führten und die, die die Urteile bestätigten, sowie auch diejenigen, die damit einverstanden waren und Beifall klatschten ” (Frau Dr. Wilbertz, Lemgo, in einem Brief an mich).
Zur damaligen Zeit gehörten die Schöpfungen der Renaissance, die Entdeckungen neuer Kontinente, aber auch die Pest und eben auch die damalige Gerichtsbarkeit.
Das heutige Bundesland Hessen wurde aus einer Vielzahl von Herzog- und Fürstentümern gebildet. Ein früherer Bestandteil waren die Nassauischen Fürstentümer, so auch Nassau-Weilburg.
Fast tausend Jahre regierten die Nassauer Grafen an der Lahn und im Taunus, ehe ihr Land 1866 von Preußen einverleibt wurde.
Die Nassauer hatten eine eigene Gerichtsbarkeit und somit auch eigene Scharfrichter.
Karte von Weilburg:
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Kirchenbücher der evangelischen Kirche Weilburg sind ab 1621 erhalten. Auf einer der ersten Seiten befindet sich folgender Texteintrag:
Johannes (später oft auch als Hanß bezeichnet), Sohn des Thomas Friedenberger aus Ober Mockstadt (heute zu 63691 Ranstadt gehörig), heiratete am 17. Oktober 1636 in Weilburg Catharina Klotz, die Witwe des Scharfrichters Michael Klotz.
Klotz war eine weitverbreitete Scharfrichterfamilie.
In allen späteren Eintragungen wurde bei den Friedenberger in Weilburg wie auch beim verstorbenen Michael Klotz stets der Beruf des Scharfrichters angegeben. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass der Johannes Friedenberger und sein Vater vorher keine Scharfrichter waren und vermutlich die Erlangung des Scharfrichteramtes der eigentliche Grund für die Eheschließung mit der Klotzwitwe war.
Dieser Johannes Friedenberger war damit der Stammvater der späteren Friedenberger-Scharfrichter.
Der Johannes starb am “05.01.1695 mit 81 Jahren weniger fünf Tagen”. Somit wurde er am 10.01.1614 geboren.
Die Geburt seines Vaters Thomas lag demnach vor 1595.
Dieser Johannes war damit knapp 60 Jahre Scharfrichter in Weilburg.
Leider ist das Kirchenbuch von Ober Mockstadt aus der Zeit um 1636 nicht mehr vorhanden.
Im späteren Kirchenbuch ab 1656 kamen Friedenberger nicht vor.
Auch die im dortigen Archiv noch vorhandenen Steuerlisten aus der Zeit um 1636 enthalten den Namen Friedenberger nicht. Damit waren sie entweder nicht steuerpflichtig oder sie haben dort nur kurzzeitig gewohnt.
Der Familienname dieser Weilburger Friedenberger wurde fast immer als Friedenberger geschrieben, einige wenige Male mit Friedeberger, aber nie als Friedberg, Friedeberg oder Friedenberg.
Die naheliegende und damals bedeutende Stadt Friedberg kann somit nicht namensgebend für diese Friedenberger gewesen sein.
In den Weilburger Kirchenbüchern konnte ich nur vier “ – berger” – Namen finden.
Nachnamen, die von Orten aus der Umgebung abgeleitete waren, waren unverändert als Familiennamen übernommen worden (so erhielt z. B. der aus Fischbach Gekommene den Namen Fischbach, aber nicht Fischbacher).
Damit sind die Weilburger Friedenberger eindeutig aus dem Süden Zugewanderte.
Woher kamen nun die Friedenberger nach Ober Mockstadt und Weilburg?
Zwischen 1636 und 1774 waren die Friedenberger über vier Generationen Scharfrichter in Weilburg.
Die Friedenberger wohnten zumindest 1758 in der Niedergasse. Dieses Haus soll es nicht mehr geben.
Diese Weilburger Friedenberger hatten jeweils fünf bis zwölf Kinder, wobei die Töchter überwogen.
Die Zeit während und nach dem 30-jährigen Krieg brachte der Gerichtsbarkeit viel Arbeit.
In Weilburg gab es zwischen 1658 und 1671 auch mehrere Hexenprozesse.
Zwischen 1658 und 1660 waren 31 Personen angeklagt. Verurteilt zum Tode wurden 30 Personen, davon 23 Frauen. Sieben Frauen und ein Mann wurden lebendig verbrannt. 1665 wurde nochmals eine “Hexe” enthauptet.
In der Literatur konnte ich über diese Hexenprozesse bisher keine namentlichen Angaben über den damaligen und dortigen Scharfrichter finden. Aber vermutlich war der Johannes Friedenberger damals dort tätig.
Die wohl letzte Hinrichtung mit dem Richtschwert in Weilburg fand 1749 statt. Damals wurde auf dem Richtplatz (nach Angabe des langjährigen Leiters des Historischen Archivs der Stadt Weilburg, des Herrn Hanns Maiwald, etwa im Bereich der heutigen Frankfurter und Taunusstr.) eine Kindesmörderin, die ihr Kleinkind in der Lahn ertränkt hatte, enthauptet.
Der Scharfrichter hieß Johann Michael Friedenberger.
Dieses Ereignis war auch für den Pfarrer so ungewöhnlich, dass er es im Kirchenbuch über mehrere Seiten festhielt.
Das Richtschwert und andere Werkzeuge der Scharfrichter sind heute Eigentum des Bergbau- und Stadtmuseums Weilburg und können dort besichtigt werden.
Handwerkzeug der Scharfrichter Blatt 1
Handwerkzeug der Scharfrichter Blatt 2
Handwerkzeug der Scharfrichter Blatt 3
Der letzte Friedenberger-Scharfrichter in Weilburg, Johann Michael, starb 1762.
Er hatte fünf Kinder. Der einzige Sohn verstarb als Kleinkind.
Die Witwe Anna Eliesabetha übergab 1774 die Scharfrichterei und Wasenmeisterei an ihren Schwiegersohn Johann Heinrich Gerhardt aus Gräveneck.
Johann Michaels letzte in Weilburg verbliebene Tochter, die Frau des Gerhardt, starb 1812.
Mit ihrem Tod waren die Friedenberger in Weilburg ausgestorben.
Johann Peter Friedenberger, geboren 1660, war zwischen 1694 bis 1697 Scharfrichter in Usingen, später laut Eintragung im Kirchenbuch Weilburg als “Medicina practici ” (vermutlich ein Feldscher) tätig.
Im Historischen Archiv der Stadt Weilburg gibt es eine Anzahl von Dokumenten über die Scharfrichter Friedenberger.
So auch einige in Zusammenhang mit der Beerdigung der Scharfrichter 1758 und 1762 und der Übergabe der Wasenmeisterei 1774.
In einem dieser Dokumenten habe ich auch die erste Friedenberger-Unterschrift gefunden.
Es handelt sich um die Unterschrift der Scharfrichterwitwe Anna Eliesabetha Friedenberger (geb. Hamel) von 1769.
Das hier ist ein Ausschnitt aus dem Schriftverkehr über die Streitsache mit ihrem Schwiegersohn Gerhardt.
Die Mitarbeiter des Historischen Archives meinen, das Schreiben selbst hat ein Berufsschreiber angefertigt, die Unterschrift aber stamme von der Eliesabetha Friedenberger.
Im Bestand des Hessischen Staatsarchivs in Wiesbaden gibt es Archivalien über Erhebung von Gebühren der Weilburger Scharfrichter und Abdecker für den Zeitraum zwischen 1741 und 1783 sowie über die Übergabe der Scharfrichterei und Wasenmeisterei 1773 - 1774.
Über die Weilburger Friedenberger und deren männliche Nachfahren konnte ich bis etwa 1800 einen lückenlosen Nachweis erstellen.
Die Söhne wirkten allgemein in Weilburg als Scharfrichter und Wasenmeister, in Usingen als Scharfrichter.
Diese Friedenberger haben Ehen geschlossen mit Kindern anderer Scharfrichter, so mit denen der Busch, Döring, Hamel, Kloz/Klotz, Schlemmer, Schley und Schütze.
Die Friedenberger in Weilburg und Usingen waren Scharfrichter und in den späteren Jahren zusätzlich auch Wasenmeister, in Nordwestdeutschland Scharfrichter, Wasenmeister, Tagelöhner und Feldhüter, in Roermond (Niederlande) Wasenmeister und Feldhüter.
Der Friedenberger-Scharfrichter aus Usingen war ab 1697 in Weilburg einige Zeit als Feldscher tätig.
Der 1664 in Weilburg geborene Johann Christophel Friedenberger war vor 1705 Scharfrichter des Amtes Cloppenburg im Niederstift Münster (hier in Fürstenau, Vechta, Wiedenbrück und Cloppenburg auch als Nachrichter Johann Christoffern Fridtberger und Johan Christoph Freudenberg genannt), 1704 Trauung als Johann Christoph Friedenberg in Wiedenbrück. Gestorben vermutlich kinderlos 1705.
Johann Jacob, geb. 1710 in Weilburg wurde mehrfach bis 1754 in Köln, nach 1754 in Vettweiß bei Düren genannt.
Sein in Vettweiß als Wasenmeister gebliebener Sohn wurde wie auch dessen Kinder mit dem Nachnamen Freudenberg bezeichnet.
Ein anderer Sohn dieses Johann Jacob ging ebenfalls als Freudenberg nach Roermond (Niederlande).
Dieser hatte acht Kinder. Der einzige Sohn starb in jungen Jahren.
Die sieben Töchter heirateten Niederländer.
Johann Leonhard, geb.1724 in Weilburg, war zwischen 1748-1750 Halbmeister in Eldagsen bei Hannover. Er hatte eine Tochter.
Infolge des Aussterben der Friedenberger in Weilburg in der männlichen Linie und dem Abwandern einiger Namensträger vor 1800 in das niederdeutsche Sprachgebiet ̫ mit Anpassung des Namens an die dortige Gepflogenheiten – ist der Name Friedenberger in Nassau und Nordwestdeutschland auch ausgestorben.
In die Niederlande sind sie als Freudenberg gegangen.
Es gibt mit hoher Wahrscheinlichkeit in Deutschland von ihnen keine Nachkommen mehr, die den Namen Friedenberger führen.